Schon vor Wochen hatte ich mit Sascha alles klar gemacht. 10.00Uhr am Ostbahnhof, 20€.
Seit Beginn des Schneefalls Anfang Dezember ist Deutschland – wie jeden Winter – im Ausnahmezustand. Räumungsfahrzeuge kommen nicht hinterher, Züge und Flüge werden gestrichen, Menschen rutsche auf glatten Gehwegen aus und brechen sich die Oberschenkelhälse – aufgrund der Witterungsverhältnisse – andere müssen an Bahnhöfen und Flughäfen auf Notpritschen übernachten...ob sie wohl „all you can drink- Kaffee“ bekommen?
Auch meine werte Familie lies das Schneechaos nicht kalt, sodass sie recherchierten, wie es an Heiligabend auf den Straßen aussehen soll und Alarm schlugen. Auf keinen Fall solle ich mit dem Auto fahren.
Klar habe ich mir, als hörige Tochter, schnell ein Bahnticket, für schlappe 75€ besorgt und Sascha Bescheid gegeben, dass ich leider nicht mit ihm fahren würde.
Sascha schrieb daraufhin, dass man 2 Tage vorher aus einem derart nichtigen Grund nicht absagen könne. Wenn er niemanden für meinen Ersatz finden würde, müsse ich leider zahlen. Netter Versuch, Sascha, aber ich erinnere mich nicht daran einen solchen Vertrag unterschrieben zu haben...
Am 22. sah ich in den Nachrichten man solle auf keinen Fall am 24. reisen, weder mit dem Auto noch mit dem Zug, noch sonst wie. Es werde Neuschnee fallen und die letzte Möglichkeit Weihnachten woanders zu sein, sei der 23.12. Man solle sich auch gut überlegen zu wem man fahren würde, da man evtl. mehrere Tage lang im wahrsten sind des Wortes "Fest-sitzen" wird. AUSNAHMEZUSTAND
Anna machte sich keinerlei Sorgen und fuhr am 24. um 10.00Uhr frohgemut zum Berliner Hauptbahnhof. Dort kam sie am Bahnschalter vorbei, bei dem sich eine Warteschlange von gefühlten 100 Metern tummelte – man seid ihr schlau –dachte sie sich – man kauft sich seinen Fahrschein doch nicht erst an Heiligabend, ist doch klar, dass man dann ewige warten muss. 1 Minute später fand sie sich selbst am Ende eben jener Schlange wieder. Der kleine Schriftzug: „Dieser Zug entfällt“ hatte sie dazu gebracht. Wenig beeindruckt hörte sie sich das affektierte Gezeter einer wasserstoffblonden Schickse mit Echthaarjacke an und wartete geduldig auf ihren Auftritt am Schalter. Dort angekommen brachen die Damen vom Servicepoint gerade (beinahe) zusammen, da sie erfuhren, dass auch der nächste Zug nach Hannover, in den sie alle Fahrgäste verlagert hatten, ausfallen würde. Mit zitternden Händen und Schweißperlen auf der Stirn, huschte ihnen dann doch ein zuversichtliches Lächeln über die Lippen, als ich ihnen meinen Fahrschein entgegenstreckte: „Sie bekommen wir noch weg, über Hamburg.“ Mein Ticket wurde gestempelt, sodass es mich auch zum ICE fahren berechtigte und ich bekam einen Zettel mit alternativen Reisemöglichkeiten.
Am Gleis 8 wurde durchgesagt, dass der Zug nach Hamburg – der schon fast eine Stunde Verspätung hatte – heute auf Gleis 4 fahren würde. Habe ich schon erwähnt, dass ich mit einem äußerst schlecht funktionierenden Rollkoffer unterwegs war? Also rüber auf Gleis 4, von wo aus ich mir dann mit ansehen durfte, dass der nächste Zug nach Hamburg (der regulär fuhr) mir von Gleis 8 aus vor der Nase wegfuhr. Aber der Zug mit Verspätung war ja noch immer nicht eingetroffen, also weiter hoffen und geduldig warten. Als wenige Minuten später wieder ein ICE nach Hamburg auf Gleis 8 einrollte, begann meine Gelassenheit langsam zu weichen und ich hechtete rüber zum Gleis 8. Fast dort angekommen stellte ich fest, dass ich ungewöhnlich leichtfüßig unterwegs war. Das lag daran, dass mein unhandlicher Rollkoffer noch geduldig auf Gleis 4 wartete. Also wieder rüber, Koffer geholt (der sobald man die Schlendergeschwindigkeit verlässt ins Schleudern gerät und einem das schleunige Vorankommen unmöglich macht) gehechtet und gerade noch in die Tür gesprungen, zusammen mit der Ansage, man solle bitte von den Türen wegbleiben, der Zug fahre ab. Puh....Herzrasen...Reizhusten...geschafft.
Im ICE bin ich erst mal 5 Waggons nach hinten gegangen, weil alles so schnieke aussah und so leer war. Ich war davon überzeugt mich in der 1. Klasse zu befinden. Irgendwann reichte es mir und ich nahm Platz – ich denke in Ausnahmezuständen wird es niemanden interessieren wo ich sitze. Ein Schaffner erklärt mir dann, dass ich mich täusche und auch die 2. Klasse im ICE so schicke schwarze Ledersessel habe. Ich empfehle also jedem wärmstens eine ICE Fahrt von Berlin nach Hamburg, in nur 100 Minuten.
Kurz darauf entschuldigte sich der Schaffner immer wieder für die Verspätung des Zuges und alle weiteren Unannehmlichkeiten. Heiß- und Kaltgetränke könne man sich, zur Entschädigung, kostenlos im Bordrestaurant abholen und er selbst würde ein weiteres Bistrot im Waggon 5 eröffnen. Ich stattete dem Guten in Waggon 5 einen Besuch ab und entschied mich aufgrund mangelnder Profi-kaffeemaschiene im letzten Moment doch für eine Cola. Der Zugchef lächelte mir milde zu.
In Hamburg erreichte ich, trotz schleuderndem Koffer den Anschluß-Metronom nach Bremen und dann war ich schon beinahe zuhause. Das letzte Erwähnenswerte der Reise war die Durchsage im Metronom, man müsse in diesem Zug auf jedweden Alkoholkonsum oder -Vertrieb leider verzichten :-)